8. Mai 2009
US-Ökonom Robert Brenner hat die aktuelle Krise vorhergesagt. Im critica-Interview erklärt er die Ursachen der Krisen – und was uns noch bevorsteht
Robert Brenner, Jahrgang 1943, ist Professor an der University of California, Los Angeles, und u.a. Autor von „Boom & Bubble“.
Die Spekulation auf dem Finanzmärkten wird allgemein als Auslöser der Krise genannt. Siehst du das auch so?
Dem politischen Establishment ist es immer schwer gefallen, zuzugeben, dass der Kapitalismus innere Widersprüche hat, die zur Krise führen können, dass es die Funktionsweise des Kapitalismus selbst ist, die zur Krise tendiert.
Die Krise kam weder „aus dem Nichts“, noch war sie „unvorhersehbar“. Seit dem Ende des Nachkriegsbooms in den 70er Jahren läuft es in den entwickelten kapitalistischen Ländern und in der Weltwirtschaft insgesamt immer schlechter, von Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, bis heute. Das zeigen alle gängigen wirtschaftlichen Indikatoren.
Woran lag das?
Verantwortlich für den Wachstumsrückgang – man könnte auch vom langen Abschwung sprechen – war ein bedeutender Rückgang der Profitrate, und das Scheitern der Versuche, sie wieder zu erhöhen. Weil die Profitrate fiel, verlangsamten die Unternehmen das Wachstum von Investitionen, Beschäftigung und Löhnen und verursachten damit ein gewaltiges Problem bei der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Die Regierungen konnten dem Nachfrageproblem nur begegnen und damit schlimmere Krisen vorerst verhindern, indem sie zu immer höherer öffentlicher Verschuldung übergingen und zu privater Verschuldung ermutigten.
Zunächst stabilisierte die Staatsverschuldung ja auch die Wirtschaft.
Das stimmt. In den 1990er und 2000er Jahren waren die Regierungen dann jedoch gezwungen, die Spekulation immer stärker zu befeuern, um das Kreditvolumen herbeizuführen, das notwendig war, um die Wirtschaft am Wachsen zu halten. Dies ermöglichte die Bildung von Spekulationsblasen bei Vermögenswerten. Unternehmen und Haushalte wurden dadurch „auf dem Papier“ immer reicher. Sie konnten sich deshalb noch stärker verschulden und dadurch ihre Investitionen und ihren Konsum erhöhen. Als die Börsenblase im Jahr 2000 platze, brach die Weltwirtschaft ein. Allgemein wurde eine tiefe Rezession erwartet. Doch die Weltwirtschaft wurde durch die Immobilienblase davor bewahrt. Als die Immobilienblase platzte, war nichts mehr übrig, das die Wirtschaft antreiben konnte.
Was bedeutet das für die zukünftige Entwicklung der Krise?
Ich glaube, wir steuern auf den schlimmsten Abschwung seit den 1930ern zu. Es gibt wenig Grund für die Hoffnung, dass die Wirtschaft sich Ende 2009 erholen wird, und jeden Grund für die Vermutung, dass es noch schlimmer wird.
Viele Ökonomen haben die Tiefe der Krise unterschätzt, weil sie sie nur als Finanzkrise interpretiert haben und davon ausgingen, dass die Realwirtschaft stark ist. Sie haben übersehen, wie stark die Realwirtschaft von der Verschuldung abhängt und diese wiederum von Spekulationsblasen. Das Wirtschaftswachstum in den USA war während des Konjunkturzyklus von 2001 bis 2007 mit Abstand das niedrigste der Nachkriegszeit. Es gab keine Zunahme der Beschäftigung im Privatsektor. Die Investitionen in Gebäude und Ausrüstungen waren ein Drittel niedriger als im Konjunkturzyklus davor und damit so niedrig wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg.
Welche Auswirkungen hatte das schwache US-Wachstum auf die anderen Ökonomien?
Der Rest der Welt, besonders die dynamischsten Ökonomien in den Industriestaaten wie auch in den Entwicklungsländern, hing in den vergangenen Jahrzehnten mit seinem Wachstum zunehmend vom Export ab und letztendlich vom Wachstum des US-Marktes. Als dann die US-Wirtschaft in eine tiefe Rezession eintrat, folgten ihr die anderen Länder ohne die Importnachfrage, von der sie abhängig waren, in den Strudel.
Die gegenwärtige Krise ist eine Krise des gesamten Systems. Das erklärt, warum sich aktuell die globale Wirtschaft als ganzes im freien Fall befindet.
Die Staaten ändern gerade radikal ihre Wirtschaftspolitik. Kann das die Krise abmildern?
Die Regierungen haben heute tatsächlich keine andere Wahl, als sich in dem Versuch, die Wirtschaft zu retten, dem Keynesianismus und dem Staat zuzuwenden. Schließlich hat sich der freie Markt als vollkommen außerstande erwiesen, wirtschaftliche Katastrophen zu verhindern oder zu meistern, von der Sicherung von Stabilität und Wachstum ganz zu schweigen. Daher sind die politischen Eliten der Welt, die gestern noch die deregulierten Finanzmärkte gefeiert haben, heute plötzlich alle Keynesianer.
Aber ob der Keynesianismus im Sinne gewaltiger Staatsdefizite und leichter Kredite zur Ankurbelung der Nachfrage die Wirkung haben kann, die sich viele versprechen, lässt sich bezweifeln. Schließlich erlebten wir in den vergangenen sieben Jahren, dank des Konsums auf Kredit, der durch die Immobilienblase der US-Zentralbank und das Haushaltsdefizit der Bush-Regierung gefördert wurde, den wohl tatsächlich stärksten keynesianischen Wirtschaftsimpuls in Friedenszeiten. Das Resultat war gleichwohl der schwächste Konjunkturzyklus der Nachkriegsepoche.
Die Regierugen verlangen von den Beschäftigten jetzt durch Lohnzurückhaltung ihren Beitrag zur Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu leisten. Ist das ein Ausweg aus der Krise?
Da die Profite sinken, werden die Arbeitgeber jetzt überall fordern, dass die Arbeiter Lohnkürzungen akzeptieren sollen. Wenn sich die Arbeiter dem fügen würden – scheinbar um die „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ zu erhöhen – wäre das zum Scheitern verurteilt. Die Arbeiter anderer Länder wären gezwungen, es ebenso zu tun, damit „ihre“ Firmen konkurrieren können. Der Effekt wäre eine Reduzierung der Kaufkraftsteigerung zu einer Zeit, in der es größerer Kaufkraft bedarf, um die Krise abzumildern.
Die beste Antwort auf die Krise wäre eine Stärkung der Gewerkschaften – in Deutschland und natürlich weltweit. Die Linke muss die politischen Kräfteverhältnisse in der gesamten Gesellschaft verändern. Nur eine organisierte Arbeiterklasse hat das Potential, die dafür notwendige Kraft zu erlangen.
Interview: Win Windisch. Robert Brenner spricht auf dem Make Capitalism History-Kongress im Oktober 2009.
Das Interview ist zuerst erschienen in: critica, Ausgabe Nr. 2., www.linke-sds.org