Verschult, unausgegoren und überfrachtet - bei der Bachelor-Einführung an deutschen Hochschulen rumpelt es. In Berlin trafen Politiker bei der Bologna-Konferenz auf Professoren und Studenten. Viel zu sagen hatte man sich nicht. Zwei Milliarden Euro versprach Bildungsministerin Schavan für die Lehre.
Einmal wird Annette Schavan richtig sauer. "Ich nehme Sie ernst, aber ich erwarte auch, dass Sie uns ernst nehmen", schmettert die Bundesbildungsministerin dem Studenten hinterher, der gerade den Raum verlässt. Unbegreiflich, dass er sich der weiteren Diskussion entziehe! Schließlich gebe es hier endlich die Gelegenheit, miteinander zu reden. Darüber, wie es mit der größten Bildungsreform der letzten Jahrzehnte weitergeht, dem Bologna-Prozess, mit Bachelor und Master.
Der Student, der die Ministerin gegen sich aufbringt, heißt Ben Stotz und spricht für den SDS, die Studenten-Organisation der Linken. Schavan hatte zuvor verkündet, dass der Bund zwei Milliarden Euro in die Hochschullehre stecken werde. "Ein starkes Signal" nennt sie ihr "Qualitätspaket". Stotz sagt, damit lasse er sich nicht abspeisen. Dann geht er, ein paar Studenten verteilen noch Flugblätter, dann verlassen auch sie den Raum. Es ist pure Provokation. Aber sie markiert die Fronten.
Eigentlich sollte die erste nationale Bologna-Konferenz so etwas sein wie ein Krisengipfel zur Rettung von Bachelor und Master. Schavan traf sich dazu in Berlin mit Vertretern der Kultusministerkonferenz (KMK), mit Hochschulrektoren und Studenten; dabei waren auch Wirtschaftsvertreter und Gewerkschafter. Das Treffen hatte Schavan lange zuvor angekündigt, nachdem Studenten überall in Deutschland auf die Straße gegangen waren; ihr Ministerium betonte den "intensiven Vorbereitungsprozess mit allen Akteuren - vor allem den Studierenden".
Die Konferenz sollte Schluss machen mit den ständigen Vorwürfen, dem großen Schwarzer-Peter-Spiel zwischen Politikern aus Bund und Ländern, Uni-Rektoren und Studenten. Es sollte darum gehen, wie die Fehler der Bologna-Reform korrigiert werden können, wie sich vollgestopfte Bachelor-Studiengänge entschlacken lassen, wie der Prüfungsdruck gesenkt und die Mobilität der Studenten erhöht werden kann.
Wird Schavan ihr Zwei-Milliarden-Versprechen überhaupt halten können?
Doch herausgekommen ist wenig. Das Zwei-Milliarden-Versprechen hatte Schavan schon vor Monaten gegeben; ob die Bundesregierung es halten kann, ist unklar. Zuletzt gab es in der CDU heftige Debatten über den Vorstoß von Roland Koch, der bei der Bildung sparen will - und in Hessen bereits damit anfängt. Kanzlerin Merkel konterte, sie werde bei Bildung, Kinderbetreuung und Forschung keine Kürzungen zulassen. "Ministerpräsidenten stellen keine Bundeshaushalte auf", sagte auch Schavan beim Bologna-Treffen.
Zwei Milliarden Euro für die Lehre - das klingt imposant. Allein in der nächsten Runde der Exzellenzinitiative allerdings sind 2,7 Milliarden Euro über fünf Jahre vorgesehen: für die Forschung. Die "zusätzlichen Mittel" für die Lehre sollen über die nächsten zehn Jahre gestreckt werden. Der Plan: Bei einer neuen Stiftung, der "Akademie für Lehre", können Professoren für besondere Lehrkonzepte Fördergelder beantragen, die vor allem in Mentoren- und Tutorenprogramme, in Beratung und Betreuung von Studenten fließen. Zusätzlich will das Ministerium eine "Mobilitätsförderung" bis 2015 um rund 90 Millionen Euro aufstocken, um damit etwa Auslandsaufenthalte und Sprachkurse zu fördern.
Die Finanzierung soll zu 90 Prozent vom Bund und zu 10 Prozent von den Hochschulen getragen werden, sagte Schavan. Doch hier widersprach Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektoren-Konferenz (HRK). Sie begrüße zwar die Bundesfinanzierung für die Lehre, aber die Hochschulen könnten kein Geld hinzugeben, so Wintermantel.
Bei der Bologna-Konferenz ließen sich die üblichen Reflexe der Bildungspolitik besichtigen, nur dass die Beteiligten diesmal enger beieinander saßen. Die Hochschulen verlangten mehr Geld, die Politik betonte Fortschritte, die Wirtschaft forderte besser qualifizierte Absolventen, und die Studenten protestierten, je nach politischer Ausrichtung gegen die schlechte Betreuung, den Prüfungsterror oder die "Kommerzialisierung" der Hochschulen.
"Alibi-Veranstaltung", "PR-Inszenierung" - der Gipfel kam nicht gut an
Entsprechend nüchtern und enttäuscht fielen denn auch die Reaktionen auf das Treffen aus. Von "einer Alibi-Veranstaltung" und "PR-Inszenierung" sprach Bernhard Kempen vom Deutschen Hochschulverband, der konservativen Professoren-Lobby. Entscheidende Fragen seien gar nicht angesprochen worden, etwa die Beibehaltung des Diploms. Kritik kam auch von SPD und Grünen: Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Hannelore Kraft bezeichnete das Treffen in Berlin als "reine Bildungsshowveranstaltung". Verbindliche Zusagen und klare Handlungsverpflichtungen habe es nicht gegeben. Kai Gehring, bildungspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, kritisierte, Schavan habe eine "Tagungstheater inszeniert, statt beherzt Lösungen gegen Unterfinanzierung, soziale Schieflange und schlechte Studienbedingungen voranzutreiben".
Schon vor der Konferenz hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) eine "grundlegende Kehrtwende" in der Hochschulpolitik gefordert. "Überfrachtete Stundenpläne, teils gestiegene Abbrecherquoten und hohe Hürden auf dem Weg ins Ausland prägen heute den Alltag an den Hochschulen", kritisierte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock.
Die Linksfraktion sprach von einem ergebnislosen Bologna-Gipfel und will weitere Bildungsproteste unterstützen; im Juni soll es den nächsten großen bundesweiten Streik geben. Die studentische Aktivistin Hannah Eberle nannte die Bologna-Veranstaltung eine "inszenierte Komödie" und eine "Schavan-Show". Dagegen bezeichnete Stefan Holz vom Ring Christlich-demokratischer Studenten die Konferenz als "Erfolg".
Elf Jahre Rumpel-Reform - und es geht weiter
Mit mageren Gipfel-Ergebnissen geht der holprige Bologna-Prozess in die nächste Runde. Keine Reform der vergangenen Jahrzehnte hat die deutsche Hochschullandschaft so umgepflügt wie diese. Es begann am 19. Juni 1999, als Vertreter von 29 europäischen Staaten vereinbarten, einen "einheitlichen europäischen Hochschulraum" zu schaffen. Die Ziele: mehr Mobilität und leichterer Wechsel an Unis in anderen Ländern, stärkere Praxis-Ausrichtung des Studiums, weniger Abbrecher. Bachelor und Master sollten die deutschen Abschlüsse Diplom und Magister ersetzen, teilweise auch das Staatsexamen - wogegen sich einige Fächer heftig stemmen.
Eigentlich sollte das alles bis 2010 geschafft sein. Doch es rumpelte und ruckelte: Mitunter ist es heute komplizierter als früher, den Studienort zu wechseln - und das schon innerhalb Deutschlands. Die Abbrecherquoten sind teils gesunken, teils aber auch gestiegen. Und nach über zehn Jahren Reform-Wirrwarr sind noch immer nicht alle Studiengänge umgestellt. Laut Hochschulrektorenkonferenz waren es zum Wintersemester 2009/2010 etwas mehr als 80 Prozent. Drei Viertel aller Erstsemester begannen einen Bachelor-Studiengang, insgesamt waren demnach 43 Prozent aller Studenten in einem Bachelor- oder Master-Studiengang eingeschrieben.
Bildungsministerin Schavan will im kommenden Jahr erneut eine nationale Bologna-Konferenz einberufen, um über Fortschritte zu sprechen. Diesmal hätte die Berliner Tagung beinah noch einen Konsens gezeitigt. Als eine studentische Rednerin fordert, die Anwesenheitspflicht bei Seminaren und Vorlesungen abzuschaffen, sagt erstmal niemand etwas. Der Moderator ergreift das Wort: "Das heißt, der Abschaffung der Anwesenheitspflicht stimmen alle zu?" Stille. "Dann ist es wohl beschlossen!"
Doch dann brummt es doch noch in den Minister- und Professorenreihen. Ein Hochschulvertreter geht ans Mikro: "Eine generelle Abschaffung können wir selbstverständlich nicht unterstützen." Eine selektive Abschaffung sei allerdings denkbar.