Die Konferenz »Erscheinungsformen der Islamophobie« warnt vor einem Generalverdacht. Wie unterscheiden sich Ihrer Meinung nach Islamophobiker von Menschen, die allgemein religionskritisch sind und den Islam davon nicht ausnehmen?
Unserer Meinung nach geht es bei der Islamophobie nicht primär um den Islam. Statt dessen wird eine breite Bevölkerungsgruppe in rassistischer Form stigmatisiert. Menschen aus Herkunftsländern von Marokko bis Südostasien werden über einen Kamm geschoren. Ebenso völlig unterschiedliche Ausrichtungen des Islam, der ja kein monolithischer Block ist, der vor allem Frauen unterdrückt und erzreaktionär ist. Das könnte man auch als Kulturrassismus bezeichnen.
In der Ankündigung des Workshops über innenpolitische Konsequenzen der Islamophobie steht, der Islam habe inzwischen einen bemerkenswerten Stellenwert in der Integrationsdebatte. Ist das nicht das Grundproblem, daß über Religion geredet wird, wo über Bildungschancen, Arbeit und Soziales gesprochen werden sollte?
Da kann ich nur zustimmen. Der Islam wird hier als Vorwand benutzt, um Migrantinnen und Migranten als integrationsunwillig darzustellen. Siehe Thilo Sarrazin, der mit seinen abfälligen Äußerungen über Familien, die aus seiner Sicht »ständig neue Kopftuchmädchen produzieren« eines der bekanntesten Negativbeispiele geliefert hat.
Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Islamkonferenzen der Bundesregierung?
Unserer Ansicht nach ist der Islam nicht das Problem. Die Bevölkerung soll für dumm verkauft werden, indem der Krieg in Afghanistan mit der Behauptung legitimiert wird, man wolle dort die Frauen befreien und vor den Taliban beschützen; dabei sterben etliche Menschen, darunter auch Frauen in diesem Krieg, und Frauenhandel ist dort an der Tagesordnung. Um diesen Krieg zu legitimieren, braucht man einen Sündenbock. Nach dem Motto »Wir, die Aufgeklärten aus dem Abendland, kämpfen gegen die Barbaren.« Das schlägt sich auch innenpolitisch nieder. Daß die BRD dadurch in den Fokus von Terroristen geraten könne, bietet sich als Vorwand an, den Überwachungsstaat auszubauen.
Einer der Workshops befaßt sich mit Antisemitismus und Islamophobie. Was sind Ihrer Meinung nach die Parallelen und was die Unterschiede?
Eine der Referentinnen ist Dr. Sabine Schiffer, die in einem Buch die Muster der systematischen Panikmache vor dem Islam in den Medien, die teilweise auch der Legitimierung von Kriegen dient, analysiert hat. Sie zieht einen Vergleich zum Antisemitismus Anfang des 20. Jahrhunderts, was keine Gleichsetzung ist, aber auf gewisse Parallelen hinweist. Wenn wir heute den Spiegel aufschlagen und dort vom Islam die Rede ist, sieht man entweder eine verschleierte Frau oder einen lechzenden bärtigen Mann.
Sie sprechen in der Ankündigung von verhängnisvollen Allianzen. Wo sollten religionskritische Menschen ohne rassistischen Hintergrund hellhörig werden?
»Pro-Bewegungen« wie Pro-Köln, Pro-NRW, Pro-Deutschland, die den Bau von Minaretten verhindern wollen und vor der Islamisierung Deutschlands warnen, sprießen zur Zeit wie Pilze aus dem Boden. Dort vermischt sich Alltagsrassismus mit Religionskritik – und die rechte Szene sieht darin eine Chance, ihren offenen Rassismus gesellschaftsfähig zu machen.
Aus frauenrechtlicher Sicht ist es eine Zwickmühle, wenn rassistische Initiativen die Schlagzeilen beherrschen und damit auch berechtigte Religionskritik in Verruf bringen. Was wäre denn Ihrer Meinung nach der richtige Weg, um Frauen zu helfen, die tatsächlich unter strengen Auslegungen des Islam in ihren Familien leiden?
In Frankreich haben wir gerade die Debatte über das Kopftuchverbot – das ist meiner Meinung nach genau der falsche Weg. Dadurch werden Menschen systematisch ausgegrenzt. Statt dessen sollte man auf sie zugehen und qualifizierte Sprachkurse anbieten. Das darf nicht am Geldbeutel scheitern. Mit dem Finger auf Menschen aus ärmeren Schichten zu zeigen und ihnen Integrationsunwilligkeit vorzuwerfen, ist der falsche Weg. Der richtige Weg wäre eine Bildungs- und Sozialpolitik, die mehr Frauen die Unabhängigkeit von Ehemännern und Familien ermöglicht.