Am Montag veröffentlichte das Statistische Bundesamt die Studierendenzahlen für das Wintersemester 2010/11. Die Zahl der Studierenden ist um 96.000, also 4,5% auf insgesamt 2,2 Millionen gestiegen. Dem gegenüber stehen lediglich 1,1 Millionen ausfinanzierte Studienplätze. „Das zeigt jetzt auch auf dem Papier überdeutlich, was die Studierenden schon lange jeden Tag spüren können: die Hochschulen sind überfüllt und werden immer weiter überflutet. Das war seit Jahren absehbar und trotzdem sind die Verantwortlichen in der Politik völlig unfähig darauf zu reagieren. Die durch den Hochschulpakt zwei geschaffenen Studienplätze ist ein Klacks gegenüber einer halben Million Studienanfänger!“ kommentiert Tupac Orellana, Mitglied des Bundesvorstands von Die Linke.SDS. Unter den 2,2 Millionen Studierenden waren 385.000 Erstsemester – so viele wie noch nie. Zum kommenden Wintersemester wird diese Zahl der Studienanfänger weiter explodieren. Die durch die Schulzeitverkürzung entstandenen Doppeljahrgänge in Bayern und Niedersachsen haben in diesem Sommer ihr Abitur gemacht, zudem werden durch die Aussetzung der Wehrpflicht bis zu 59.000 mehr junge Männer ein Studium beginnen wollen. Ein neues Zulassungsverfahren, dass eine Überflutung der Hochschulen vorerst abwenden sollte, ist gescheitert. So vermelden die Universitäten bereits drastische Anstiege der Bewerberzahlen: an der Universität Hamburg haben sich 20% mehr Schulabgänger als im Vorjahr auf einen Studienplatz beworben. Damit kommen auf 8.500 Studienplätze 54.000 Bewerber. Die Hochschule Bremen vermeldete einen Anstieg der Bewerbungen um 250%.
Besonders abschrecken wird das Schulabgänger aus bildungsfernen Familien. Die schwierige Finanzierung ist nach wie vor der häufigste Grund, kein Studium aufzunehmen oder einen Studienabbruch. Wenn sich nun Hürden zu einer Zulassung weiter verschärfen trifft das als erstes, wer sowieso schon nicht wild entschlossen war ein Studium auf zu nehmen. Die soziale Selektion und Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems wird auch im am Dienstag veröffentlichten Bildungsbericht der OECD erneut deutlich: beim Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Lesekompetenz liegt Deutschland immer noch im oberen Drittel.
Der Anteil der Hochschulabsolventen liegt mit 29% in Deutschland weit unter dem internationalen Schnitt von 39%. Das verwundert kaum, da die Investitionen in Bildung mit 4,9% des Bruttoinlandproduktes ebenfalls weit unter dem OECD-Schnitt. Nur Tschechien und die Slowakei investieren weniger.
Einen Studienplatz in Wunschstudium und –Stadt zu bekommen ist kaum mehr möglich. Wer es doch geschafft hat, braucht großes Glück um noch einen Platz in überfüllten Seminaren oder Vorlesungen zu bekommen. In Frankfurt am Main wurden Studierende gebeten, Vorlesungen im Livestream von zu Hause zu schauen, da sogar der Flur mit Videoübertragung vor dem Hörsaal überfüllt war.
Die Betroffenen selbst, nämlich Schüler und Studierende, wollen sich mit dieser Situation nicht abfinden: Am vergangenen Wochenende fand in Berlin eine bundesweite Bildungsprotest-Konferenz statt. Mit Blick auf die verschärfte Situation an Schulen und Hochschulen zum Wintersemester sollen zum 17. November bundesweit Demonstrationen stattfinden. "Wir haben die Nase voll von leeren Versprechungen. Während uns seit Jahren erzählt wird, die Kassen seien leer und man könne uns leider nicht mehr Studienplätze finanzieren, werden für die Rettung von Banken und irgendwelche Finanzspekulationen Milliarden aus dem Fenster geschmissen. Da können und wollen wir nicht länger zusehen und werden ab 17. November auf die Straße gehen, streiken und demonstrieren!" so Paula Rauch, Geschäftsführerin von Die Linke.SDS.